Seit Katja angefangen hatte, mich dafür zu kritisieren, dass eine andere als sie meine beste Freundin war und darauf bestand, dass „alle anderen“ meine „Hörigkeit“ Hanna gegenüber auch kritisch sahen, erwachte meine Angst vor sozialen Interaktionen erneut in nie gekanntem Ausmaß. Ich kontrollierte mich selbst streng. Ich analysierte jede Geste, jede Veränderung in der Mimik meines Gegenübers. In jeder Chorprobe achtete ich sorgfältig darauf, meine Aufmerksamkeit gleichmäßig unter meinen Freunden zu verteilen. Im Mittelpunkt stand dabei natürlich immer Katja. Was machte sie für ein Gesicht, wie wirkte sie heute und was konnte ich tun, um mich mit ihr gut zu stellen? Wenn ich sie begrüßte schob ich immer auch ein Kompliment hinterher. Reagierte sie nicht uneingeschränkt erfreut, machte ich mir danach ewig lang Sorgen, was ich wohl wieder ausgefressen haben könnte. Um sicherzugehen, dass ich alles richtig machte, ging ich nach den Proben so oft wie möglich mit in die Kneipe, zeigte mich allen gegenüber aufmerksam (vor allem natürlich Katja) und achtete darauf, immer höflich und freundlich und toll und perfekt zu sein. Als Hochsensible wertete ich dabei jede noch so kleine Regung in der Körpersprache des anderen aus, jede Schwingung, die mir meine Intuition meldete. Damals war ich mir dessen nicht bewusst, ich hatte keine Ahnung von meiner Sensibilität. Natürlich schlauchte das extrem, sodass ich mich meist als eine der ersten verabschieden und nach Hause gehen musste. Ein gefundenes Fressen für Katja! „Alle finden es komisch, dass Du immer so früh gehst, ohne das zu begründen. Das macht einen schlechten Eindruck.“ Für sie wurde es zu einer Art Spiel, mich Stückchen für Stückchen von meiner sozialen Unfähigkeit zu überzeugen. Ich wurde zu ihrer emotionalen Marionette.

Ich weiß nicht, ob sie es bewusst tat. Böse Zungen (die Katja viel besser durchschaut hatten als ich) behaupteten, sie setze ihr psychologisches Wissen bewusst ein, um andere zu manipulieren und dafür zu sorgen, dass sie sich schlecht fühlten, wenn Katja das wollte. Bei mir funktionierte es hervorragend. Immer mal wieder gab sie sich kühl und abweisend. Das versetzte mich in Panik. Wenn ich fragte, antwortete sie oft „Nichts, ich bin nur müde. Es geht nicht immer nur um Dich, weißt Du.“ Doch sie zeigte mir weiterhin die kalte Schulter. Nach einer Woche qualvoller Grübelei kam es dann meist irgendwie heraus. Dann sagte sie mir endlich, was ich angestellt hatte. Meist waren es Dinge, die ich zum „Tatzeitpunkt“ als völlig harmlos und unwichtig empfunden hatte. Irgendetwas, was ich gesagt oder getan hatte oder wie ich auf etwas reagiert hatte, was sie gesagt oder getan hatte. Ich kann mich an keinen einzigen Fall konkret erinnern, so nebensächlich waren all die Dinge, die sie als beleidigend empfand. Das alles führte dazu, dass ich mir selbst absolut nicht mehr vertraute. Offenbar waren alle meine instinktiven Reaktionen völlig falsch, verletzte ich mit jeder noch so kleinen Handlung jemanden schwer. Ich kam zu der Überzeugung, durch und durch ein vollkommen unmöglicher, sozial absolut unfähiger Mensch zu sein. Und ich hatte keine Ahnung, wie ich das geradebiegen konnte. Wenn ich im Kern „falsch“ war, meine ureigenen Instinkte mich gesellschaftlich unmöglich machten, wie sollte ich mich dann ändern können?

Das war für mich – und für Hanna, die immer an meiner Seite blieb – eine sehr schwere Zeit. Ich konnte das Problem damals nicht benennen, es kam mir alles sehr diffus vor. Ich wusste nur, dass ich so nicht leben kann, ohne zu wissen, was „so“ bedeutete. Wie ich da herauskam, weiß ich nicht mehr genau. Vielleicht war es eine Kombination aus wachsendem Selbstbewusstsein und zu groß werdendem Leidensdruck. Ich erinnere mich an mehrere Situationen gegen Ende meines Kontakts mit Katja, wo sie endlose Monologe über sich und ihre Probleme führte – wie es ihr Brauch war – und ich immer öfter dachte „Eigentlich würde ich auch gerne mal was sagen. Außerdem hat sie das schon tausendmal erzählt.“ Etwas in mir begann sich zu wehren.

Zusätzlich ging ich zu dieser Zeit für einige Wochen für ein Praktikum ins Ausland, was mir Abstand von allem erlaubte und mir zeigte, dass ich ziemlich stark war, denn ich hatte mir das Praktikum selbst organisiert, ohne Unterstützung von Erasmus oder einem anderen Austauschprogramm. Auch Finanzierung, Unterkunft, Transport, etc. hatte ich komplett selbst geregelt. Das gab mir etwas mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten. Als ich nach mehr als sechs Wochen zurück kam, war mein erster Weg zu Katjas Wohnung. Wir redeten bis spät in die Nacht. Über sie. Das heißt, sie redete. Keine einzige Frage über meine Wochen allein in der fremden Großstadt kam ihr über die Lippen. Ein Themenwechsel bot sich nicht an. Vielleicht war das der Anfang vom lange überfälligen Ende. In der Folgezeit entstanden mehr und mehr kritische Situationen zwischen uns. Spürte sie, dass sie ihre Kontrolle über mich verlor? Zu jener Zeit begann ich auch eine Psychotherapie – meine zweite, die erste lag einige Jahre zurück. Ich hatte das große Glück, eine sehr fähige und ungemein einfühlsame Therapeutin zu haben. Gemeinsam gingen wir ans Eingemachte und arbeiteten meine Vergangenheit gründlich auf. Das war sehr anstrengend, aber auch sehr, sehr befreiend. Katja kam nicht zur Sprache, doch mein Selbstbewusstsein nahm zu und stärkte meinen eigenen Willen. Mein Befreiungsschlag stand bevor.

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