Die Zeit, in der mein Selbstbewusstsein wuchs und mir immer klarer wurde, dass ich etwas radikal ändern musste, zog sich über etwa ein Jahr hin. Das war mein „Selbstfindungstrip“. Mir dämmerte, dass meine Beziehung zu Katja nicht gesund war. Ich suchte das Gespräch mit ihr und sagte, dass unsere Freundschaft sich irgendwie nicht richtig anfühlte, dass wir sie neu definieren müssten – nur das sagte ich. „Wir müssen unsere Freundschaft neu definieren.“ Doch sie geriet völlig außer sich.

Das darauf folgende Gespräch ist eine meiner schlimmsten Erinnerungen, wenn nicht gar die schlimmste. Es dauerte etwa vier Stunden. Es half nicht, dass ich ausgerechnet den Zeitpunkt erwischt hatte, als Katjas Vater, mit dem sie einige Male im Jahr telefonierte, im Sterben lag. Sie hatte kaum Kontakt zu ihm, entdeckte nun aber, wie wichtig er ihr war und wie sehr sie unter seinem bevorstehenden Tod litt. In unserem Gespräch zog sie alle Register. Dass ich eben nur eine Schönwetterfreundin wäre, die sich immer den bequemsten Weg suche und niemals für einen da sei, wenn man sie wirklich braucht (Oh, die vielen Stunden des geduldigen Zuhörens, als Katja unglücklich verliebt war!) Wie merkwürdig alle es fänden, dass ich immer so früh von Parties und aus der Kneipe nach Hause gehe. Meine Begründung („Ich finde es anstrengend, lange Zeit mit vielen Menschen zusammen zu sein“) tat sie hohnlachend ab, dasselbe würde ihre Mutter auch immer sagen – Ihre Mutter war schwer alkoholkrank, und musste fast dauerhaft stationär behandelt werden. Ich wusste keinen Ausweg, ich konnte nicht erklären, dass meine fehlenden Filter im Hirn dafür sorgten, dass ich keine Sinneseindrücke ausblenden konnte, weil ich das damals selbst noch nicht wusste. Jede Verteidigung, jeder Erklärungsversuch, den ich hervorbrachte, wusste sie mit einem geschickten „Argument“ abzuschneiden. Ich war vollkommen gefangen.

Schlagfertigkeit geht den meisten Hochsensiblen ab. Unser Gehirn ist zu beschäftigt mit dem Verarbeiten aller Facetten unserer Umgebung, als dass es spontan eine clevere Antwort aus dem Hut zaubern könnte. Ich ging vollkommen geschlagen als eindeutige Verliererin aus dem Gespräch. Katja kam am nächsten Tag noch einmal zu mir und sagte, unsere Freundschaft sei beendet. Ich war etwas perplex, nichts hätte mir von vornherein deutlicher sein können. „Das wusste ich doch schon“, sagte ich. Woraufhin Katja erwiderte, dass ich das nicht habe wissen können, weil sie es gerade erst entschieden hätte. Und dass ihr sehr wichtig sei, dass sie diese Entscheidung getroffen habe. Damit gab sie mir (versehentlich?) einen unerwartet tiefen Einblick in ihre Psyche, der die Jahre unser Freundschaft zusammenfasste: Es war immer um Kontrolle gegangen. Sie hatte meine Gefühle und mein Verhalten kontrolliert, die Natur unserer Freundschaft. Und mit meinem extremen Loyalitätsbruch hatte ich sie der Kontrolle über das Ende der Freundschaft beraubt. Die versuchte sie sich jetzt zurückzuholen.

Heute weiß ich, dass Katja eigentlich keine Schuld hatte an ihrem Verhalten. Sie hatte selbst eine schwere Kindheit (die alkoholkranke Mutter, der abwesende Vater). Außerdem existiert in ihrer Familie eine lange Geschichte von Selbstmorden. Sie ist vermutlich eine zutiefst unzufriedene Person. Und sie versuchte es damit zu kompensieren, dass sie das Leben anderer Menschen in jedem Aspekt kontrollierte. Ich war nicht ihr einziges Opfer, ab und zu manipulierte sie jemanden geschickt dazu, dass er oder sie sich sehr schlecht fühlte, indem sie sehr abfällig über etwas sprach, das diese Person liebte – ein Hobby, einen Film oder Ähnliches. Natürlich in Anwesenheit derjenigen. Sie brauchte die Traurigkeit und Enttäuschung anderer, um sich selbst ganz kurz etwas besser zu fühlen. Aber ich war zu jener Zeit wohl diejenige, die sich am dauerhaftesten und bereitwilligsten ihrer Kontrolle hingab.

Hochsensible geben halt nicht einfach auf, wenn eine Autorität uns das Lob verweigert – wir kämpfen darum, wir arbeiten an uns, wir versuchen uns so lange zu verbessern, bis wir das ersehnte Feedback bekommen. Darum sind wir vielleicht stärker als Normalsensible gefährdet, in Missbrauchsbeziehungen wie dieser zu enden. Da wir noch dazu glauben, unser Gegenüber wolle unser Bestes (so wie ein Baby auch unerschütterlich davon überzeugt ist, dass seine Eltern es beschützen und ihm nur Gutes wollen), suchen wir Fehler immer zuerst bei uns und schämen uns für unsere Unzulänglichkeit.

Diese fatale Dynamik zu erkennen ist extrem wichtig für Hochsensible. Dann können wir die Vorgänge hinterfragen und vielleicht erkennen, wenn uns eine Beziehung schadet – und diesen Menschen im besten Fall aus unserem Leben verbannen. Das kann eine ziemlich schmutzige Angelegenheit werden, vor allem, wenn man einen gemeinsamen Freundeskreis hat. Ich hatte damals das Glück, dass mein Studium zu Ende war und ich in eine andere Stadt zog. Hanna blieb durch all dies hindurch meine engste Freundin und half mir ungemein damit, durch diese Zeit zu kommen. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft. Dafür, und für alles was danach kam, bin ich ihr unendlich dankbar!

Ich weiß nicht genau, was aus Katja geworden ist. Als wir noch befreundet waren, begann sie eine Promotion und brach sie ab. Danach begann sie eine Ausbildung zur Psychotherapeutin. Ich weiß nicht, ob sie sie beendet hat. Selbst eine Therapie zu machen hat sie immer abgelehnt, weil sie nach eigener Aussage die beste Psychologin war, die sie kannte und daher sich selbst am besten therapieren könne. Kurz, bevor wir den Kontakt zueinander abbrachen gab es eine merkwürdige Phase, in der sie alle ihre Kollegen als narzistisch diagnostizierte.

Auch, wenn Katja sicher das größte Trauma in meinem Leben als Hochsensible verursachte, war sie nicht das einzige Hindernis auf meinem Weg. Auch die Beziehung mit Franz stellte mich vor große Herausforderungen. Dazu ein andermal mehr.

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