Hochsensible brauchen viel Bestätigung, immer wieder positives Feedback. Es dauert lange, bevor wir in einer bestimmten Sache so viel Selbstvertrauen gesammelt haben, dass wir von alleine wissen, dass wir gut sind und die Bestätigung aus uns selbst holen können. Das kann zu ziemlich problematischen Situationen führen – im Berufsleben vor allem, aber auch im Privatleben.

Ich konnte zum Beispiel niemals den Anfang von Beziehungen ausstehen. Viele schwärmen von den Schmetterlingen im Bauch, aber die hatten bei mir spätestens dann ausgeflattert, wenn die Beziehung konkreter wurde. Dann kam die Unsicherheit. Mag er mich wirklich? Überlegt er es sich vielleicht demnächst anders? Werden meine Macken ihm zu viel? Ich brauchte wirklich mehrmals täglich die Bestätigung, dass er mich noch mag und immer noch mit mir zusammen sein will. Das hat den Beginn so mancher Beziehung sehr schwierig gemacht. Und mit „Beginn“ meine ich so ungefähr die ersten zwölf Monate. Wie gesagt, es dauert, ehe wir Selbstvertrauen aufbauen. Da ist es leicht, in eine Falle zu rutschen. Die lange Zeit, die vergeht, bevor wir Selbstvertrauen aufbauen, kann so qualvoll sein, dass wir uns ihr ganz entziehen und einfach einen Flirt nach dem anderen beginnen. Sobald die Unsicherheit beginnt, flüchten wir. Oder wir beißen uns richtig fest, hängen uns an den Schwarm wie eine Klette, machen uns dabei schrecklich zum Affen und sind sehr unglücklich. Zum Glück ist das jedoch nur die Anfangsphase. Wenn der Partner oder die Partnerin durchhält, haben wir irgendwann genug Vertrauen aufgebaut und die Beziehung kommt in ruhigere Fahrwasser.

Doch meine größte „Baustelle“ ist die professionelle Bestätigung.

Die Beste sein, das war immer mein Antrieb. Ich war eine typische „Streberin“, meistens der Lehrerliebling. In der Schule klappte das prima (abgesehen davon, dass ich keine Freunde hatte), später im Beruf wurde es zu einem Problem. In der Schule gibt es Noten. Das ist super für Hochsensible, die sich über Leistung definieren, denn was gibt eindeutigere Signale als eine Zahl? Das Notensystem trug mich auch durchs Studium. Doch danach trat ich in eine Welt ein, die mir so ein leicht lesbares Feedback verwehrte. Ich hatte immer hervorragend funktioniert, wusste dank meiner Noten immer, wo ich stehe. Mit meinem Eintritt ins Berufsleben war damit plötzlich Schluss. Es war beängstigend und verwirrend. Alle anderen Bewertungssysteme, an denen ich mich ab da festzuhalten versuchte, scheiterten.

Nach dem Biologiestudium war ich vollkommen davon überzeugt, dass ich genau wusste, was ich wollte (in Wahrheit hatte ich keine Ahnung). Ich ging einfach den ausgetretenen Pfad: die Promotion. Das ist der übliche nächste Schritt für Naturwissenschaftler. Die Anforderungen widersprachen aber leider meiner hochsensiblen Natur. Das lag vielleicht auch daran, dass ich mir ein Haifischbecken der Wissenschaftswelt als Ort meiner Promotion aussuchte: Ein Max-Planck-Institut. Dort ist Forschung kein Job, sondern ein Lebensstil. Üblicherweise sollte man als Max-Planck-Forscher keine anderen Ambitionen haben als die Wissenschaft. Das ist für HSP schwierig zu erreichen. Wir haben vielseitige Interessen und uns wird schnell langweilig, wenn wir uns länger mit ein- und derselben Sache beschäftigen müssen. Und ich arbeitete vier Jahre lang in einer Gruppe, die ausschließlich an einem einzigen Protein forschte. Vier Jahre ohne jegliche thematische Abwechslung. Es gab Tage, an denen ich gerade so akzeptieren konnte, dass dies mein Job war. Das waren die guten Tage.

Jede Woche hatten wir eine Versammlung mit der Gruppe, sogenannte Lab meetings. Ein Gruppenmitglied hielt einen Vortrag, danach wurde diskutiert. Das dauerte meist etwa zwei Stunden und ich hasste es abgrundtief. Nach einer halben Stunde war mein Interesse meist verbraucht. Oft konnte ich nicht fassen, wie man derart leidenschaftlich und ausgebreitet über etwas diskutieren kann, von dem nur eine handvoll Leute auf der Welt überhaupt wissen, dass es existiert, und das für die Menschheit an sich praktisch keine Bedeutung hat. Dieser Gedanke quälte mich oft – dass ich an etwas arbeitete, was nur meine unmittelbaren Kollegen interessierte, für den Rest der Welt aber vollkommen belanglos war.

Dieses Desinteresse führte natürlich dazu, dass meine Ergebnisse nicht besonders gut waren. Fatal für eine HSP, deren Selbstvertrauen von positivem Feedback genährt wird! Ich versuchte, auf andere Weise die Beste zu sein: indem ich so viel und so lange wie möglich arbeitete. Das war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Denn Hochsensible können zwar sehr effizient und konzentriert arbeiten, aber wir sind insgesamt auch nicht leistungsfähiger als alle anderen. Wir werden dann eben schneller müde. HSP sind Sprinter, manche anderen Menschen sind eher Marathonläufer. Ich konnte innerhalb von vier, fünf Stunden so viele Aufgaben erledigen wie andere in der doppelten Zeit. Aber das sah ich nicht. Ich sah ausschließlich die Anzahl der Stunden, die ich im Labor verbrachte. Und so sehr ich mich auch anstrengte, mehr als zehn schaffte ich nicht. Andere blieben 14 Stunden und kamen auch an den Wochenenden. Das konnte ich einfach nicht. Ich weigerte mich zu erkennen, dass jene Leute reichlich Spaziergänge, Rauch- und Kaffeepausen in ihrem Tag unterbrachten, während ich meine zehn Stunden eisern und ohne Pause durchzog.

Warum machte ich nicht einfach mehr Pausen? Weil ich dann noch länger hätte bleiben müssen, mein Pflichtgefühl zwang mich dazu, die Pausenzeit an meine Arbeitszeit zu hängen. Doch ich wollte schnell wieder nach Hause, denn Wissenschaft war nicht meine Erfüllung, ich wollte abends auch noch etwas anderes machen. Trotzdem musste ich so viel wie möglich arbeiten, um mich selbst zu bestätigen. Natürlich führte das nach etwa anderthalb Jahren geradewegs Richtung Burnout. Ich schrammte noch knapp daran vorbei; ich arbeitete etwas weniger und zwang mich, Pausen zu machen, auch auf Drängen meines Freundes. Eine Zeit, in der ich beinahe täglich eine Panikattacke hatte, überzeugte mich schließlich auch, dass ich kürzer treten musste. Aber die Sinnlosigkeit meines Tuns quälte mich weiter. Ich war heilfroh, als ich endlich den Doktortitel in der Tasche hatte und die Wissenschaft verlassen konnte.

In seinem Buch Die Berufung für Hochsensible schlägt Luca Rohleder das Labor als geeigneten Arbeitsplatz für Hochsensible vor. Das kann ich nicht uneingeschränkt bestätigen. Er schreibt, dass man ziemlich selbstständig arbeiten könne und nicht ständig vom Chef kontrolliert würde. Das mag für Wissenschaftler in höheren Positionen, also Laborleiter oder ähnliches, gelten. Aber eh man dort hinkommt, hat man als HSP wahrscheinlich längst das Handtuch geworfen, denn:

  1. Wissenschaft kann extrem einseitig sein, und HSP brauchen Abwechslung. Das kann man natürlich selbst ein bisschen steuern, indem man sich ein Feld mit kürzeren, abwechslungsreicheren Projekten sucht. Biologie und Chemie halte ich da für eher ungeeignet, da man oft sehr lange braucht, bis man bestimmte Techniken erlernt hat oder Experimente funktionieren. Zwölf bis Achtzehn Monate Anlaufzeit sind keine Seltenheit.
  2. Der Konkurrenzdruck in der Wissenschaft ist hoch (dementsprechend auch der Zeitdruck), man hat wenig Raum, sich zu entfalten. Das kommt jedoch auch darauf an, wo man ist. An manchen Unis geht es sicher entspannter zu, als ich es am Max-Planck-Institut erlebt habe.
  3. Es ist keinesfalls immer so, dass der Chef einem nicht im Nacken sitzt. Ich habe zahlreiche Fälle gesehen, wo die Chefin oder der Chef seine Leute an extrem kurzen Zügeln hielt und wöchentliche Statusgespräche führte, in denen sie oder er neue Ergebnisse erwartete. Für einen wissenschaftlichen Anfänger ist das unmöglich und baut extremen Druck auf.
  4. Erholungsphasen sind für Wissenschaftler nicht vorgesehen. Wochenenden, Feiertage und Urlaub existieren für Forscher praktisch nicht. An „meinem“ ehemaligen Institut war es vollkommen üblich, dass an gesetzlichen Feiertagen die Kantine auf hatte, weil erwartet wurde, dass man arbeitet. Das ist der Killer für HSP, weil wir auf regelmäßige, längere Ruhepausen angewiesen sind.

Nach meinem beinahe selbstzerstörerischen Abenteuer Wissenschaft begab ich mich in die Wissenschaftskommunikation und machte damit ein Hobby zum Beruf. Es schien wie ein Traum: Geregelte Arbeitszeiten, Wochenenden und Feiertage waren selbstverständlich frei und niemand schaute schräg, wenn ich meinen vertraglich geregelten Urlaub nahm. Noch dazu wurden für diesen Job kreative Menschen mit Ideen gesucht. Schon während meiner Doktorarbeit hatte ich leidenschaftlich gerne Vorträge für Laien gehalten.

Leider machte mein Bedürfnis nach Bestätigung mir auch hier einen fetten Strich durch die Rechnung. Ich stieß auf eine gnadenlose Chefin, die all meinen hochsensiblen Bedürfnissen völlig zuwiderhandelte. Sie erstickte meine Kreativität, indem sie meine Arbeit streng kontrollierte und oft stark veränderte. Sie trat mein labiles Selbstbewusstsein mit Füßen, indem sie ins Büro platzte, Kritik bellte und wieder hinaus stampfte. Sie weigerte sich, positives Feedback zu geben, da dies „in der Arbeitswelt nicht existiert“, wie sie sagte. Sie verlangte, dass jeder Angestellte tadellos funktionierte und sich nach ihrem Geschmack und ihrer Meinung richtete. Ein typischer Control Freak. Nach weniger als einem Jahr kündigte ich.

Zudem musste ich verwundert feststellen, dass acht Stunden immer noch zu viel waren. So lange konnte ich mich einfach nicht konzentrieren. Schließlich kam ich zu der Schlussfolgerung, die wohl viele Hochsensible irgendwann ziehen: Ich muss mich selbstständig machen. Keine Kollegen, an denen ich mich messen muss. Keine Chefin, die meine Ideen abschmettert und mir meine Arbeitsweise diktiert. Keine Zeiten, die ich einhalten muss.

Ich bereue meine vergangenen Entscheidungen dennoch nicht. Alles, was ich bisher getan habe, hat mich an diesen Punkt gebracht. All diese Erfahrungen sind wichtig für mich, da sie mir gezeigt haben, wie ich am Besten funktioniere (und wie nicht). Außerdem konnte ich in all jenen Jahren eine konkrete Idee formen, womit ich mich selbstständig machen will und mich davon überzeugen, dass ich ein besonderes Talent dafür habe. Direkt nach dem Studium hatte ich absolut keine Ahnung, wer ich bin und was ich kann. Nach der Promotion wusste ich nicht, wie die normale Arbeitswelt außerhalb der Wissenschaft funktioniert – und dass sie mir nicht die richtigen Bedingungen bietet. Jetzt ist die Zeit gekommen, mein wahres Potential zu entfalten. Ich erwarte einen schwierigen Start, ich erwarte Rückschläge. Aber ich weiß, dass ich letztendlich Erfolg haben werde.

Bist Du ein HSP in der Wissenschaft oder einem ähnlich „gnadenlosen“ Bereich? Wie geht oder ging es Dir damit? Oder hast Du Deine Nische auf dem Arbeitsmarkt gefunden, die Dich glücklich macht? Ich will gerne Deine Geschichte hören!

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