Der Sommer kommt und mit ihm Volksfeste, Jahrmärkte, Grillpartys und so weiter – der Horror für HSP (hochsensible Personen)! Oft meiden wir solche Menschenansammlungen. Auch Familienfeste oder Betriebsfeiern können uns mit Angst und Schrecken erfüllen, doch da ist Absagen oft nicht möglich. Vielleicht hast Du (wie ich) auch schon die Erfahrung gemacht, dass es dann gar nicht so schlimm war, wenn Du erst mal da warst. Vielleicht hast Du bei solchen Gelegenheiten auch interessante Menschen kennengelernt, die Dein Leben bereichert haben. Aber selbst wenn: Deine Angst vor Partys ist dadurch wahrscheinlich nicht verschwunden. Mit logischen Argumenten à la „war doch letztes Mal auch kein Problem“ können weder unsere Freunde noch wir selbst uns die Furcht vor der Feier austreiben.

Zum Glück gibt es ein paar Strategien, mit denen man sich wappnen kann, um vielleicht etwas weniger ängstlich zu Erbtantes Achtzigstem oder der Weihnachtsfeier in der Firma zu gehen:

1) Such Dir einen (oder einige) Verbündete(n)
Falls Du einen sehr guten Freund oder eine sehr gute Freundin hast, frag sie oder ihn, ob ihr gemeinsam auf die Party gehen könnt. Halte Dich an diese Person und begrenze damit die Größe der „Zone“, aus der Eindrücke auf Dich einprasseln. Das funktioniert gut auf großen Feiern, wo die Leute sich eher lose kennen. Ideal ist natürlich, wenn Dein Freund weiß, dass Du hochsensibel bist oder es vielleicht sogar selbst ist. Dann könnt ihr euch gegenseitig vor der Sinnesüberflutung „beschützen“.
Was, wenn Deine Freundin aber ein sehr offener Typ ist, der gerne mit vielen Menschen redet und darum nicht die ganze Zeit bei Dir ist? Da helfen die folgenden Ratschläge vielleicht.

2) Hab keine Angst „Der Stille“ zu sein
Fürchte Dich nicht davor, Dich mit einem Drink in eine Ecke zu stellen und den Trubel für eine Weile einfach nur zu beobachten, ohne mit jemandem zu reden.Ich weiß, dass das sehr viel Überwindung kosten kann. Ich bekam oft Panik, wenn ich auf Partys alleine herumstand, weil ich immer dachte „Jetzt sehen alle, dass ich alleine stehe und denken, dass ich keine Freunde habe und dass ich komisch bin!“ Aus purer Angst davor schoss ich in die Gegenrichtung übers Ziel hinaus: Ich redete mit jedem, war total aufgedreht, superlustig und kommunikativ – und hinterher völlig ausgebrannt. Diese Art von Überkompensation ist aber gar nicht nötig. Normalsensible bemerken nämlich meist gar nicht, wenn jemand ein bisschen am Rand bleibt – abseits stehen kann regelrecht unsichtbar machen. Und das ist genau das, was man als HSP zwischendurch immer mal braucht. Kein Mensch wird hinterher über Dich sagen „Das ist doch die, die die ganze Zeit am Rand stand“. Nein, im schlimmsten Fall heißt es „Ach, war der auch auf der Party? Hab ich gar nicht gesehen.“

3) Gehe in die ruhigeren Ecken
Es gibt die Partygänger, die mitten im Geschehen sein müssen und die, die lieber ein nettes, ruhiges Gespräch führen. Du bist sicher nicht der einzige Hochsensible auf der Feier! Suche also die ruhigeren Orte: Die WG-Küche, wenn im Wohnzimmer der Bär steppt, oder den Balkon. Im Hotel die Lobby, bei der Betriebsfeier die Terrasse der Kantine – irgendwo sammeln sich die, die es ruhiger mögen.Wenn Du ein Gespräch mit einer Person führen willst, ist die ruhige Ecke sogar unverzichtbar. Sag dann einfach geradeheraus „Können wir uns draußen weiter unterhalten? Ich verstehe Dich kaum bei dem Krach hier.“ Oder, wenn Du subtiler sein willst, sag, dass Du Dir noch einen Drink holen willst und frag die Person, ob sie mitkommt – wenn ihr eure Getränke habt, marschierst Du einfach Richtung ruhige Ecke.

4) Geselle Dich zu einem Kreis
Wenn Du keinen einzelnen Gesprächspartner hast, auch kein Problem: Auf größeren Parties gibt es immer Kreise, also mehrere Leute, die zusammenstehen. Da reden meist nur einige, die anderen hören zu. Eine perfekte Tarnung für HSP! Stell Dich in den Kreis und sei einer der Zuhörer. Dabei steht es Dir frei, ob Du wirklich zuhörst oder mit einem vagen Lächeln den Redner anschaust, während Dein Hirn auf Sparflamme läuft. Es wird Dich kaum jemand dazu auffordern, jetzt doch mal Deine Meinung zum Thema zu sagen oder Dich hinterher in eine Diskussion dazu verwickeln. Kreise sind super, um sozial zu wirken, dabei aber passiv zu bleiben.

5) Hol Dir noch ein Getränk
Dieser Tip meint zwei Dinge. Zum Ersten: Wenn Dir ein Gespräch zu anstrengend wird, dann sag, dass Du Dir noch einen Wein/ eine handvoll Chips holen willst, aufs Klo musst, eine rauchen gehen willst, was auch immer. Und dann komm einfach nicht zurück. Klingt fies? Ist es nicht wirklich, denn das passiert auf Partys ständig. Grüppchen bilden sich und lösen sich auf, alles ist unverbindlich. In den meisten Fällen wird Dein Gesprächspartner schon mit jemand anderem reden, wenn Du wiederkommst. Sag aber nicht so etwas wie „Ich bin gleich wieder da“, denn dann lässt Du denjenigen wirklich hängen – und womöglich sucht er dann nach Dir.
Zweite Bedeutung des Tips: Trink Alkohol, aber nicht zu viel. Nur so viel, dass Du ein bisschen entspannt wirst, also ein oder zwei Bier bzw. ein oder zwei Gläser Wein. Das dämpft die Sinne ab und macht das Hirn ein bisschen lahm, wodurch Du weniger Informationen aufnimmst. Es versteht sich von selbst, dass Du diese Strategie wohldosiert und sparsam einsetzen solltest.

6) Übernachte nicht
„Ich muss noch nach Hause fahren“ ist ein guter Grund, etwas eher zu gehen. Ganz abgesehen davon, dass die Übernachtung die Flut an neuen Eindrücken nur verlängert und unseren Sinnen ihre dringend benötigte Pause verwehrt. Sollte sich eine Übernachtung nicht vermeiden lassen, dann schlaf nicht in der WG auf einer Matratze auf dem Boden oder bei Deiner frisch verheirateten Cousine auf der Couch, sondern nimm Dir ein Hotel- oder Pensionszimmer. Oder schlag im Garten ein Zelt auf. Was auch immer Du tun kannst, um Dich im Rahmen Deiner (finanziellen) Möglichkeiten zurückzuziehen und alleine zu sein.

7) Stehe zu Deinen Bedürfnissen, aber verteidige sie nicht!
Dieser Tip ist wahrscheinlich am schwierigsten umzusetzen, weil wir HSP große Angst haben, sozial abgelehnt zu werden und darum sehr zögerlich sind, unsere Bedürfnisse zu äußern. Wir haben einfach Schiss, unser Gegenüber damit vor den Kopf zu stoßen. Doch die allermeisten Leute nehmen es einfach hin, wenn man sagt, dass man müde ist und sich darum jetzt auf den Weg nach Hause macht. Sie sagen vielleicht „Schade, dass Du schon gehst!“, aber das ist kein Vorwurf und auch keine Aufforderung, sich mit schuldbewusstem Gesichtsausdruck zu verteidigen. Das musste ich auch erst mühsam lernen. Die Leute drücken wirklich einfach nur ihr Bedauern aus, dass Du gehst – und haben es zwanzig Sekunden später schon wieder vergessen. Normalsensible grübeln nicht herum, ob Du denn irgendeinen geheimnisvollen Grund hattest, jetzt schon zu gehen oder denken sich alle möglichen haarsträubenden Interpretationen dazu aus. Sie nehmen es einfach hin und denken nicht weiter darüber nach.
Jemand, der Dir einen Vorwurf daraus macht, dass Du „immer so früh gehst“, ist nicht Dein Freund. Widerstehe der Versuchung, diese Kritik ernst zu nehmen und Dich danach zu richten, das führt Dich ins Unglück.Du darfst Deine Macken haben, so sind Menschen. Eine Freundin von mir sagte oft in letzter Minute ab, wenn sie zu Parties eingeladen war. Eine andere hatte immer mal etwas peinlich-cholerische Anfälle. Beide gehörten trotzdem uneingeschränkt zum Freundeskreis und wurden immer überallhin eingeladen. Echte Freunde erschüttert sowas nicht. Sie mögen Dich aus hundert verschiedenen Gründen, die Deine „schwierigen“ Seiten dutzendfach aufwiegen.

8) Bleib zu Hause
Wenn Du echt keine Kraft hast, dann gehe nicht hin. Natürlich kann man nicht alles absagen, doch die meisten Feiern kommen auch gut ohne Dich aus. Ich weiß schon, was dann passiert: Ein Feuerwerk von ängstlichen Annahmen bombardiert Deine Entscheidung, zu Hause zu bleiben. Ein kleiner Auszug aus den Lieblings-“Argumenten“ meines Hirns:

  • „Du verpasst was ganz Großes!“ (Noch nie hat jemand hinterher zu mir gesagt „Das war die beste Party aller Zeiten, es ist was Unglaubliches passiert!“ Ich habe noch nie etwas verpasst.)
  • „Alle Deine Freunde werden vergessen, dass Du existierst.“ (Werden sie nicht. So funktionieren Freundschaften nicht.)
  • „Du wirst nie wieder irgendwohin eingeladen.“ (Dieses Argument ist vielleicht noch das einleuchtendste. Aber solange Du nicht jede Feier kurzfristig absagst oder einfach nicht auftauchst, ist auch das keine Gefahr.)

Zur Beruhigung am Ende noch ein kleines Beispiel: Als ich mit meiner Doktorarbeit begann, waren wir eine kleine Gruppe Freunde, vier Leute. Wir unternahmen regelmäßig gemeinsam etwas. Eine von uns (ich weiß nicht, ob sie eine HSP ist) begann irgendwann, sich ein bisschen von uns abzusondern und unternahm stattdessen mehr mit anderen Leuten. Oft sagte sie uns zunächst zu, meldete sich dann aber nicht mehr, wenn es an die konkrete Planung ging. Wir machten uns nicht viel daraus und luden sie weiterhin ein. Dann begann sie, uns zu versetzen, kam also einfach nicht zu Verabredungen, die sie vorher zugesagt hatte. Wir hatten Verständnis für ihre nachgelieferte Entschuldigung und luden sie weiter ein. Wir halfen ihr in jener Zeit auch beim Umzug. Danach meldete sie sich mehrere Monate lang nicht und reagierte nicht mehr auf Nachrichten. Erst an dem Punkt gaben wir es langsam auf, ohne aber sauer auf sie zu sein. Wir sahen einfach ein, dass sie und wir unterschiedliche Interessen hatten und mit unterschiedlichen Menschen Zeit verbringen wollten; jeder ging friedlich seiner Wege.
Du brauchst Dich also nicht zu fürchten, dass Deine Freunde Dich „hassen“ werden, wenn Du immer mal eine Party absagst – es braucht viel, viel mehr, um soweit zu kommen. Deine Freunde bleiben bei Dir, weil sie Dich kennen und Deine Qualitäten schätzen. Und sie sind auch nicht doof, sie wissen schon, dass Du es lieber etwas ruhiger magst. Das gehört eben zu Dir. Du bist hochsensibel und genauso lieben Deine Freunde Dich.

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