Ich bin anders als die anderen Kinder. Irgendwie passe ich nicht rein. Ich interpretiere zu viel in Dinge hinein, bin zu ängstlich, fühle mich von sozialen Situation oft überfordert und werde schnell müde. Was stimmt nicht mit mir? Nun, ich gehöre zur Gruppe der Hochsensiblen.

Auf den ersten Blick wirke ich eigentlich relativ normal, glaube ich. Wenn Leute mehr Zeit mit mir verbringen, finden sie mich im besten Fall ein bisschen merkwürdig, im schlechteren Fall nervig. Ganz, ganz wenige Leute finden mich gerade wegen dieser Merkwürdigkeit so interessant, dass sie meine Freunde werden. Und das ist euch schon eine typische Eigenschaft von Hochsensiblen – wir haben wenige Freunde, die uns dafür um so näher stehen.

Aber was bedeutet dieses „hochsensibel“ denn nun? Bedeutet es, dass ich bei jeder kleinsten Berührung vor Schmerzen schreie? Zum Glück nicht. Bedeutet es, dass meine Sinne übernatürlich scharf sind? Im Prinzip, ja. Bedeutet es, dass ich bei jeder Kleinigkeit anfange zu heulen? Ähm, ja, irgendwie auch ein bisschen.

Hochsensibilität ist bisher wenig erforscht, weder die Medizin noch die Psychologie erkennen sie an als – ja, als was? Eine Krankheit ist es nicht, auch keine Fehlfunktion oder ein Defekt. Es ist ein Zustand, in dem man von Geburt an lebt und der einen das ganze Leben lang begleitet. Doch obwohl das Phänomen in Fachkreisen kaum anerkannt ist, existiert es ganz bestimmt. Tausende Hochsensible können das bestätigen. Und es gibt ein paar einfache Merkmale, an denen man selbst sehr schnell feststellen kann, ob man zu diesem besonders geplagten, aber auch besonders beschenktem Personenkreis gehört:

  1. Wir haben überempfindliche Sinne. Das heißt, wir empfinden laute Geräusche, zu grelles Licht, penetrante Gerüche oder derbe Berührungen als extrem unangenehm. So sehr, dass wir aggressiv werden oder sofort ganz weit weglaufen möchten. Manche Hochsensible haben einen überempfindlichen Sinn, andere mehrere. Wir können uns an die Eindrücke auch nicht „gewöhnen“ oder sie „ausblenden“, wie hilfreiche Mitmenschen es uns oft raten. Das bringt mich zum nächsten Punkt:
  2. Unser Hirn hat keinen Filter für Eindrücke. Alles, und ich meine ALLES, was wir hören, sehen, riechen, schmecken. fühlen, nehmen wir bewusst wahr und muss unser Gehirn verarbeiten. Wir können uns nicht dagegen wehren und es, wie schon erwähnt auch nicht „ausblenden“, wie viele andere Menschen das können. Daraus folgt Nummer:
  3. Wir werden sehr schnell müde. Drei, vier Stunden im Museum oder ein, zwei Stunden in einer Menschengruppe – schon würden wir uns am Liebsten verkriechen und erstmal ein paar Stündchen schlafen. Das trifft leider auch auf den Arbeitstag zu, denn
  4. Hochsensible sind sehr intensive, konzentrierte Arbeiter. Wir schaffen meist das Doppelte in derselben Zeit wie unsere Kollegen. Und zwar nicht, weil wir schnell machen und dabei die Sorgfalt vergessen. Im Gegenteil, wir sind noch dazu Perfektionisten, die alles so gut wie möglich abliefern wollen. Das kann ein paar Jahre gut gehen, aber dann treibt es uns schnell ins Burn-Out.

Gut, diese Liste überzeugt wohl die meisten, das Hochsensibilität einem das Leben nicht gerade einfacher macht. Aber wenn man erst einmal weiß, dass man hochsensibel ist, und seine individuellen Merkmale kennenlernt, kann man sich Strategien erarbeiten, die es einem einfacher machen. Und Hochsensibilität hat auch große Vorteile:

  1. Die empfindlichen Sinne erlauben es uns, mehr zu registrieren als die meisten, wir haben eine gute „Intuition“. Allerdings bedeutet das nicht, dass wir bewusst denken „Oh, ich sehe oder höre etwas bestimmtes, daraus schließe ich, dass dies und jenes passiert.“ Nein, es ist ganz subtil. Und leider der Grund, warum viele Normalsensible uns merkwürdig oder nervig finden: Wir haben einfach ein Gefühl in bestimmten Situationen. Wir fühlen uns wohl und sicher, oder aber denken „Hier stimmt irgendwas nicht. Ich will weg.“ Das können wir uns selbst, geschweige denn jemand anderem, nicht erklären. Wir spüren es einfach. Aber oft hilft uns diese Intuition auch weiter, wenn wir es wagen, auf sie zu vertrauen. Wir wählen instinktiv die Menschen aus, die gut zu uns passen, oder den Job, den Wohnort, etc.
  2. Hochsensible sind sehr kreativ, im buchstäblichen Sinn des Wortes. Wir wollen etwas „erschaffen“ und haben neue Ideen.
  3. Oft haben Hochsensible auch eine ganz eigenwillige Art, Dinge zu tun. In der Arbeitswelt kann das bei Kollegen auf Unverständnis stoßen („Warum macht sie das nicht einfach so wie alle anderen auch?“), aber es hebt uns auch von der Masse ab.

Wenn wir unsere Eigenschaften also richtig einsetzen, können wir Einiges erreichen. Aber warum habe ich am Anfang gesagt, dass ich bei jeder Kleinigkeit anfange zu heulen? Hochsensible haben ein sehr großes Harmoniebedürfnis. Mit schwelenden Konflikten kommen wir gar nicht klar – aufgrund unserer guten Intuition spüren wir diese auch. Euch kommt vielleicht die Situation bekannt vor, wo ihr einem vertrauten Kollegen sagt „Ich glaube, der und der hat was gegen mich, der behandelt mich total komisch“, und der Kollege antwortet „Hä, nee, wieso, der macht doch gar nichts? Das bildest Du Dir bestimmt nur ein.“ Ja, so geht das häufiger. Das Problem dabei ist, dass man als Hochsensibler auch noch sehr selbstbezogen ist. Wir nehmen die Stimmungen der uns umgebenden Menschen wahr – und glauben, sie seien Reaktionen auf uns. Das muss gar nicht immer sein, das ist wahrscheinlich in der allermeisten Fällen nicht so. Aber dadurch machen wir uns dauernd Gedanken darüber, wie wir uns verhalten, wer uns vielleicht was Böses will, wem gegenüber wir vorsichtig sein müssen. Permanenter emotionaler Ausnahmezustand! Und da kann es schon mal sein, dass man die Kontrolle verliert und in Tränen ausbricht. Dazu kommt noch, dass wir eine perfekte kleine Welt im Kopf haben, wo alle lieb zueinander sind. Und wenn dann mal jemand so richtig grob oder unhöflich ist, sind wir völlig geschockt und können gar nicht glauben, dass jemand so sein kann.

Der hochsensible Jobcoach Luca Rohleder beschreibt das in seinem Buch Die Berufung für Hochsensible ganz treffend als das „Neugeborenen-Ich“. Neugeborene brauchen Zuwendung und Sicherheit, sie kennen das „Böse“ in der Welt noch nicht, beziehen aber alles in ihrer Umgebung auf sich – und sie saugen alle Eindrücke auf wie ein Schwamm, weshalb sie viel Schlaf brauchen, um diese Eindrücke zu verarbeiten. Diesen Vergleich finde ich sehr treffend. Das Buch befasst sich vor allem damit, wie man als Hochsensibler im Berufsleben klarkommt. Ein allgemeine Einführung gibt es aber auch, die ist für meinen Geschmack hin und wieder zu spirituell, doch da kann man ohne Weiteres drüberlesen. Das Buch hat mich in jedem Fall dazu inspiriert, mein Leben als Hochsensible ein bisschen zu dokumentieren und zu kommentieren – vielleicht helfen meine Erfahrungen dem Einen oder Anderen. Über Kommentare freue ich mich!

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