Soziale Interaktionen sind eine Herausforderung für mich. Ich schiebe es auf die Hochsensibilität. Als Kind fand ich es immer schon gruselig, auf Geburtstagsfeiern zu gehen, ich heulte vorher stundenlang und wollte am Liebsten zu Hause bleiben. Wenn ich dann erstmal da war, war es in Ordnung. Das wurde besser, je älter ich wurde. Ich hatte immer noch ein mulmiges Gefühl vor Parties, vor allem, wenn Leute dabei waren, die ich nicht kannte. Aber das legte sich dann meist recht schnell. Nach und nach wurden meine sozialen Ängste immer kleiner. So kriegte ich meine Schulzeit einigermaßen hinter mich.

Zu Beginn meines Studiums lernte ich dann innerhalb kurzer Zeit zwei Menschen kennen, die schnell sehr wichtig wurden in meinem Leben. Heute weiß ich, dass diese beiden Beziehungen Gift für meine hochsensible Persönlichkeit waren und viele meiner Unsicherheiten wieder hervorbrechen ließen und sogar extrem verschlimmerten. Zugleich lehrten sie mich aber auch viel über die Natur meiner Hochsensibilität und die damit einhergehenden Gefahren.

Eine dieser Beziehungen war eine „Liebes“beziehung (sie hatte mit Liebe eigentlich nichts zu tun, allerdings war ich damals vollkommen davon überzeugt, dass es Liebe sei), die andere Beziehung war eine Freundschaft. Diese hat mich nachhaltig geprägt, man könnte es auch „traumatisiert“ nennen. Darum will ich von ihr zuerst erzählen.

Während meines gesamten Studiums war ich in einem Chor. Dort traf gleich in den ersten Wochen eine junge Frau, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die „Neuen“ unter ihre Fittiche zu nehmen. Ich nenne sie hier mal Katja.

Jeden Mittwoch nach der Chorprobe ging eine lose Gruppe noch in eine nahe gelegene Kneipe. Ab und zu ging auch ich mit; Katja war fast immer dabei, da sie zum inoffiziellen Kern des Chores gehörte. Im Rahmen dieser Kneipenabende knüpften wir Kontakt. Ich erinnere mich an unser erstes Gespräch. Katja erzählte, dass sie Psychologie studierte und bat mich, sie nicht zu fragen, ob sie mich gerade analysierte. Das tue sie nicht, ihr Studium hatte nichts mit ihr als Person zu tun. Nichts konnte weiter von der Wahrheit entfernt sein, wie sich im Laufe der nächsten Jahre herausstellte.

Zunächst aber freundete ich mich mit Katja an. Wir trafen uns auch hin und wieder in unserer Freizeit in der Mensa oder einem Café. Katja war sehr mitteilungsbedürftig und eine dominante Rednerin. Sie hatte für gewöhnlich den Großteil der Redezeit inne, ich hing an ihren Lippen, denn Katja war einige Jahre älter als ich und ich bewunderte sie. Sie war schon seit Jahren im Chor und gehörte zur Kerngruppe, die gemeinsam viel unternahmen. So wusste sie viel über die anderen Chormitglieder und hatte zu jedem eine Meinung. Sie machte keinen Hehl aus ihrer Überzeugung, die sozialen Strukturen im Chor und die Eigenschaften der einzelnen Leute vollkommen durchschaut zu haben. Sie betonte zwar weiterhin, sie würde niemanden analysieren, erzählte aber immer wieder, dass sie auf Grund ihrer Ausbildung Menschen sehr gut einschätzen könnte und immer richtig mit Menschen und Situationen umgehen würde. Ich glaubte jedes Wort.

Das ist eine typische Eigenschaft von Hochsensiblen: Wir suchen uns eine Autorität, die wir zu unserer Bezugsperson auserwählen und versuchen dann, sie glücklich zu machen, sie zu beeindrucken, ihr ein Lob zu entlocken – und sei es nur, indem wir ihre Bewunderer werden. Dazu bewegt uns unser „Neugeborenen-Ich“ – die Instanz, die uns hochsensibel macht. Ein Baby reagiert extrem empfindlich auf die Emotionen seiner Eltern und testet aus, wie es bestimmte Gefühle bei den Eltern hervorrufen kann. Dabei lernt es schnell, dass Lächeln und Knuddeln positive Emotionen ausdrücken und versucht dann immer wieder, diese hervorzurufen. Hochsensible hören praktisch nie damit auf, das zu versuchen. Statt der Eltern kommen dann andere Autoritäten ins Spiel, die es zu beeindrucken gilt.

Ein paar Jahre ging das ganz gut mit Katja. Ich vergötterte sie und sie erklärte mir, wie das Leben zu funktionieren hat. Zu ihrem leisen Missmut (und meinem unfassbaren Glück, wie ich nun weiß) hatte ich eine weitere wichtige Freundin im Chor, die in meinem Alter war. Nehmen wir an, sie hieße Hanna. Hanna und ich freundeten uns an dem Tag an, der für uns beide der erste in diesem Chor war an. Wir sind bis heute beste Freundinnen. Unsere Freundschaft war Katja ein Dorn im Auge, da sie, wie ich heute verstehe, uneingeschränkte Loyalität verlangte und sich selbst als eine Art „Lebenslehrerin“ für mich betrachtete.

Eines Tages kam Katja zu mir und sagte, es gefiele ihr nicht, wie ich Hanna hinterherrenne und alles tue, was sie sagt. Ich sei Hanna hörig. Außerdem würde ich all meine anderen Freunde sofort vergessen und fallenlassen, sobald Hanna in der Nähe war. Ich sei eine Opportunistin, das sei anderen auch schon aufgefallen und es würde einige Menschen in meinem Umfeld verletzen. Ich müsse aufhören, Hanna hörig zu sein und mich auch mehr um meine anderen Freunde kümmern. Das saß. Ich war völlig geschockt und traurig darüber, andere Menschen mit meiner Gedankenlosigkeit verletzt zu haben. Ich kam allerdings nie auf die Idee, diese anderen Menschen zu fragen, ob sie wirklich so empfanden. Damit gab ich Katja eine mächtige Waffe in die Hand. „Das sagen alle über Dich“ wurde zu ihrem Totschlagargument, das bei mir immer zog. Damit stieß sie den Dolch direkt in mein empfindliches Harmoniebedürfnis – und das zieht bei Hochsensiblen. Damit begann mein tiefer Sturz in eine rapide Abwärtsspirale.

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Ein Kommentar zu „Du gehörst nicht in diese Welt – Teil 1

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